Schätze aus der Chronikgruppe: „Hinter vielen Fotos steht eine Geschichte“ – Teil 1
In einer kürzlich erschienenen Artikelserie in den örtlichen Tageszeitungen berichtete Christine Honermeyer aus der Chronikgruppe über den „Photographen Schröder“ und sein Atelier in Lübbecke. Hierfür gingen viele Oberbauerschafter, aber auch andere Dorfbewohner diesseits und jenseits des Wiehen über viele Jahre zum Atelier von Wilhelm Schröder in Lübbecke. Um die Jahrhundertwende an der Langen Straße ansässig, etwas später an der Osnabrücker Straße 5. Denn wer auf seine Familiengeschichte blickt, findet oft auch Fotos seiner Vorfahren. Vor rd. 100 Jahren hatte die Fotografie einen anderen Stellenwert als in der heutigen Zeit: Fotos von Personen wurden meist nur bei besonderen Anlässen und in einem Atelier gefertigt. So ist im Laufe der Jahre eine umfangreiche Bildersammlung entstanden. Und oftmals steht hinter vielen Fotos eine Geschichte – und davon wollen wir in der Serie erzählen.
Wir starten mit einem Foto in der Sammlung der Familie Oermann: ein Foto mit zwei Herren im eleganten Anzug. Was hat es jedoch mit diesem Foto auf sich und welche Geschichte verbirgt sich dahinter?

Lange Zeit wurde über die Namen der beiden Männer spekuliert und man hatte nur Vermutungen. Im Sommer 2006 schrieb Kate Worland, geb. Oermann, alle in Deutschland lebenden „Oermann-Familien“ an und wollte die Geschichte und die Herkunft ihres Urgroßvaters erforschen; mehrere Besuche in Deutschland bei Verwandten folgten. Ihrem ersten Schreiben hatte sie die Kopie eines Bildes beigefügt, auf dem sie auf der rechten Seite ihren Urgroßvater „Caspar“ Heinrich Oermann erkannte – aber wer war der Mann in der linken Bildhälfte. Aufgrund anderer Aufnahmen war in Deutschland bekannt, dass auf der rechten Seite Caspar „Heinrich“ Oermann, Urgroßvater von Dirk Oermann, abgebildet war, aber wer war der Herr auf der linken Seite. Durch den Schriftverkehr ergab sich: es waren Brüder.
Beide waren 1858 bzw. 1861 in Büttendorf geboren und hatten noch drei weitere Brüder. Während der ältere Bruder in Büttendorf heiratete und später in Oberbauerschaft eine Neubauerstätte errichtete, wanderte der jüngere mit einem Bruder nach Amerika aus; ein dritter Bruder folgte ihnen einige Jahre später nach Amerika, ein fünftes Kind der Familie starb im Kindessalter. Caspar Oermann hatte in Amerika Glück und konnte sich ein Leben im Wohlstand aufbauen, war Inhaber mehrerer Firmen und war zu einem angesehenen Geschäftsmann geworden.
Insgesamt hat er dreimal seine alte Heimat besucht, zuletzt 1921 – 40 Jahre nach seiner Auswanderung. Bei diesem sechsmonatigen Besuch hat er ein Tagebuch geschrieben und viele Dinge des täglichen Lebens festgehalten. So schreibt er u.a. im August 1921 „Den 20. August den Morgen habe ich und Bruder Heinrich uns photographieren lassen hier in Lübbecke. Die Photographien kosten 20 Mark das Stück.“
Und so sind zumindest heute noch zwei dieser Aufnahmen aus dem Atelier Wilhelm Schröder von 1921 mit den beiden Brüdern, damals 63 bzw. 60 Jahre alt, erhalten geblieben, ein Exemplar bei Kate Worland in St. Louis (USA), ein weiteres bei Dirk Oermann in Deutschland. Um den Wert der Mark in der damaligen Zeit näher vergleichen zu können, gibt es im angesprochenen Tagebuch mehrere Einträge: so hat Caspar bei seinem Besuch am Kaiser-Wilhelm-Denkmal 6 Biergläser zum Stückpreis von „29 Mark 50 Pfennige“ gekauft. Einen Anzug bei Rabe in Lübbecke hat er sich für 1.591 Mark schneidern lassen. Für Stoffe hat er insgesamt 7.863 Mark ausgegeben, wo er umgerechnet ungefähr 100 Dollar ins Verhältnis setzt. Haare schneiden lassen kostete 4 Mark, bei einem Telegramm nach Amerika für ein Wort 22 Mark, der Mietpreis für ein „Automobile für 2 Tage“ 130 Mark, ein Ferkel auf dem Markt in Lübbecke 12 Mark.
Wer auch Fotos aus dem Atelier Schröder in seiner Sammlung hat und uns zur Verfügung stellen möchte, kann sich gerne an uns wenden.
Eure Chronikgruppe
Christine Honermeyer und Dirk Oermann